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Skulpturale Architektur

Skulpturales Design / Kunst im öffentlichen Raum


Skulpturale Architektur ist ein Grenzgebiet zwischen Architektur und Kunst. Kunsthistorisch betrachtet ist Architektur sogar die „Mutter“ aller anderen Kunstformen, da sich in und an ihr Malerei und Skulptur erst herausgebildet und etabliert haben. Während dieses Verständnis von Architektur als Kunstform von der Antike bis zur Moderne jedoch noch dadurch geprägt war, dass Architektur einem religiösen, staatlichen oder gesellschaftlichen Zweck zu dienen hatte, belegen nicht zuletzt die aktuellen Ausstellungen von Architekturmodellen, -entwürfen und -fotos in namhaften Museen und Galerien, dass zumindest die Bauten von „Stararchitekten“ wie Gehry, Zumthor oder Hadid mittlerweile auch dem modernen Standard von Kunst als autonomes skulpturales Objekt genügen.
Dieses Phänomen lässt sich unter dem Begriff „Skulpturale Architektur“ zusammenfassen. Gemeint ist damit, das sich die Architektur zwar nach wie vor über ihre Funktion als Behausung definiert, die wiederum anderen Zwecken wie Arbeit, Repräsentation oder Ausstellung von Kunst unterliegt und sich insofern von zweckfreier (abstrakter) Skulptur unterscheidet, die allein für sich selbst steht, eigenen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist und allenfalls dazu dient, uns neue ästhetische Erfahrungen zu eröffnen. Letzteres zeichnet aber bis zu einem gewissen Grad auch skulpturale Architektur aus: Sie fügt sich nur bedingt in einen landschaftlichen oder urbanen Kontext ein, setzt sich vielmehr von diesem ab, ragt aus ihm heraus und besitzt im besten Fall sogar die Kraft, ihn umzugestalten und aufzuwerten. Sie verfolgt nicht mehr in erster Linie die genannten Zwecke, sondern formuliert diese um und bereichert sie um neue Erfahrungen.
Dementsprechend weist beispielsweise der so genannte „Dekonstruktivismus“ eines Frank O. Gehry ebenso wie die Barockarchitektur „überflüssige“ Formen auf, die anders als im Barock nicht einmal mehr einer Überhöhung von Staat und Religion dienen. Vielmehr sind sie Teil einer expressiven Raumkunst, die so weit gehen kann, dass die eigentliche Funktion von Architektur sogar behindert und die Bewohner oder Passanten irritiert werden. Wie bei einem zeitgenössischen Kunstwerk werden durch diese „Entfunktionalisierung“ und die damit einhergehende Irritation alte Wahrnehmungsmuster aufgebrochen und neue angeregt, ja geradezu provoziert. Architektur wird aufgrund dieser autonomen Formensprache und des Eigenwerts ihres Materials zu einer begehbaren Skulptur, die sowohl von außen betrachtet als auch im Blick von Innen nach Außen permanent neue Wahrnehmungen ermöglicht und damit Mensch und Gesellschaft verändert.


Skulpturales Design

Ein zentrales Merkmal skulpturaler Architektur und skulptural arbeitender Architekten zeigt sich auch im Aufbrechen vermeintlich festgeschriebener Gattungsgrenzen zwischen Architektur, Kunst und Design. Architekten wie Gehry, Hadid oder Foster betätigen sich folgerichtig auch als Designer, wobei sie ihre architektonisch-skulpturalen Gestaltungsprinzipen auf das Design von Alltags- und Gebrauchsobjekten wie Möbel, Autos oder Boote anwenden.
Design und Architektur ist gemein, dass sie im Vergleich zur autonomen Kunst einem Zweck dienen. Als „skulptural“ kann Design ebenso wie Architektur dann bezeichnet werden, wenn die vermeintliche Grenze zwischen autonomem Kunstobjekt und Gebrauchsgegenstand ebenso aufgehoben wird wie die zwischen Designer bzw. Architekt und freiem Künstler. Skulpturales Design, das einer Skulptur gleicht und dessen ästhetischer Wert oft höher ist als sein Gebrauchswert, wird daher auch in Ausstellungen und Museen wie der Pinakothek der Moderne in München als vollwertige Kunstgattung neben Malerei oder Skulptur gewürdigt.


Kunst im öffentlichen Raum

Kunst im öffentlichen Raum, bei der es sich allein schon aus konservatorischen Gründen, aber auch wegen des Skulptur bereits inhärenten Raumbezugs in der Regel um Skulptur bzw. Installationen handelt, ist ein Sammelbegriff für Kunstwerke unterschiedlicher Epochen und Stilrichtungen, die zumeist im kommunalen öffentlichen Raum, also in städtischen Parks, auf Straßen und Plätzen jedermann jederzeit frei zugänglich sind. Insofern unterscheidet sie sich von einer Kunst, die in einem geschlossenen Museums- oder Galerieraum nur bedingt frei zugänglich ist und somit auch nicht per Zufall im Vorübergehen, sondern nur gezielt von an Kunst Interessierten wahrgenommen werden kann. Gerade diese „unbeabsichtigte“ und unvermittelte Konfrontation mit Kunst bietet nach wie vor ein Konflikt- und Provokationspotenzial, das immer noch und immer wieder zu Auseinandersetzungen um Kunst im öffentlichen Raum führt.
Die Etablierung von Kunst im öffentlichen Raum geht einerseits mit der Entstehung des öffentlichen Raums im 19. Jahrhundert, andererseits mit dem Prozess der Demokratisierung im 20. Jahrhundert einher. Ihre inhaltliche und zeitliche Spannbreite umfasste zunächst frühe Reiterstandbilder und Brunnen in Parks ebenso wie politisch bestellte Arbeiten. Aktionen wie „Plastik im Freien“ von 1953 in Hamburg gelten als früher Versuch, Kunst durch eine Aufstellung im öffentlichen Raum jedem zugänglich zu machen. Bekannte Beispiele dafür sind auch die „Nanas“ von Niki de Saint-Phalle in Hannover aus dem Jahr 1974 oder die Skulptur „Ruhender Verkehr“ von Wolf Vostell aus dem Jahr 1969 in Köln. Um ein offenes Diskussionsforum zur Kunst im öffentlichen Raum zu bieten, veranstaltet die Stadt Münster seit 1977 alle 10 Jahre die überregional bedeutende Ausstellung „Skulptur.Projekte“. Bei diesem weltweit einzigartigen Ausstellungsprojekt geht es um eine konkrete Auseinandersetzung international bekannter Künstler mit dem urbanen Raum.
Bei Kunst im öffentlichen Raum handelt es sich im Idealfall um raum- und ortsbezogene Arbeiten, die permanent oder - wie etwa die „Reichstagsverhüllung“ von Christo und Jeanne-Claude in Berlin 1995 - temporär sein können. Ein weiterer Traditionszweig ist die so genannte „Kunst am Bau“, bei der seit den 1920er Jahren beim Bau oder der Sanierung staatlicher Bauten ein bestimmter Anteil für Kunst aufgewendet wird. Kunst am Bau - wie Chillidas Plastik vor dem Berliner Bundeskanzleramt - wirkt zwar oft recht unmittelbar auf den öffentlichen Raum, befindet sich aber zumeist auf einem Privatgelände.
Insbesondere der Wandel von der „Spaßgesellschaft“ zu einer Gesellschaft, die wieder Sinnzusammenhänge sucht, führte mit Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer neuen Befragung regionaler Kulturwerte. Kunst im öffentlichen Raum gewinnt dabei einen erweiterten Stellenwert bezüglich einer Wahrung des regionalen kulturellen Gedächtnisses in zeitgeistiger Darstellung durch Künstler. Weiterhin dient sie der Vermittlung kultureller Werte sowie der Imageförderung einer Kommune. Städte und Gemeinden, die dieses Potenzial erkennen, haben neben dem Imagegewinn nicht zuletzt auch einen wirtschaftlichen Nutzen durch einen verstärkten Tourismus.


Literatur

Matzner, F. (Hg.): Public Art - Kunst im Öffentlichen Raum, 2001.
Messner, F.: Skulptur im öffentlichen Raum, 2009.
Messner, F.: Skulpturale Architektur. In: Otto Beutter, Frank O. Gehry: Skulpturale Architektur, 2010.
Vitra Design Museum (Hg.): Isamu Nogushi: Sculptural Design, 2001.
Sewing, W.: Architecture: Sculpture, 2004.


Dr. Ferdinand Messner M.A.

Einführungstext als PDF zum Download
(nur für private Zwecke, jegliche Form der Vervielfältung und Veröffentlichung - auch in Auszügen - bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors sowie der Gesellschaft für Skulpturale Architektur)
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